20 Jahrfeier mit großer Jubiläums-regatta

Sonn- und Feiertagsrudern auf unserem schönen Chiemsee

Unsere morgendliche Ausfahrt beginnt Sonn- und Feiertags kurz nach 8 am Vereinssteg in Stock mit spontan zusammengestellten meist wechselnden Mannschaften. Nach Umfahrung des Bojenfeldes vor der Stippelwerft peilen wir die Südwestspitze der Herreninsel an. Wir lassen das Prienavera mit seiner Kuppel in Form einer Jakobsmuschel und den Hafen der Chiemseeschifffahrt hinter uns. Ab der Ottosruhe orientiert sich unser Kurs an den Begrenzungsbojen der teilweise ganzjährigen Fisch- und Vogelschutzzone, die sich bis kurz vor die Krautinsel erstreckt. Bis Höhe Paulsruhe im Südosteck der Herreninsel haben wir die aufsteigende Sonne im Rücken. Über Heck blicken wir auf den Moränenzug von Hittenkirchen und Urschalling. Darüber leuchtet am Horizont der Wendelstein. Backbord liegt ein ausgedehnter Verlandungsstreifen vor dem steil aufsteigenden Südufer der Herreninsel mit seinem prächtigen alten Buchenbestand.

Ich stelle mir vor, es müsste gut Fischer sein als Einwohner jener frühgeschichtlichen Siedlung, die im Schutze dieser natürlichen Geländekante und eines angelegten Ringwalls lag. Auf Steuerbord entlang des Chiemseesüdufers sind die Fahrzeuge auf der Salzburger Autobahn erkennbar. Ein gleichmäßig mahlendes Rauschen erfüllt die Luft über der weiten Wasserfläche. Mit unserer allmählichen Kursänderung nach Nord ziehen Höhen und Täler der Chiemgauer Berge über unser Blickfeld: Hochries, Priental, Kampenwand, Hochplatte und Achental, das den Blick frei gibt auf die weiten Höhen des Fellhorns jenseits der Tiroler Grenze. Aus dem Salzburger Pinzgau ragen die Loferer Steinberge herüber, eine Art ferne Loreley, ist doch beim Passieren der Kammerhäuser Untiefen Aufmerksamkeit angesagt. Das Wasser unter Kiel wird hier bisweilen beunruhigend knapp.

In dieser Gegend liegt auch jene Stelle im See, die unser Apotheker gerne ansteuert, da von hier Bayerische Geschichte auf einen Blick überschaubar wird: Voraus die Benediktinerinnenabtei Frauenwörth steht für Macht und prägende Kraft der Römischen Kirche, ebenso halb Backbord das Alte Schloss auf Herrenchiemsee als ehemaliges Augustinerstift und Zentrum des Bistums Chiemsee. Der Abbruch der beiden Domtürme vor zwei Jahrhunderten war sichtbares Zeichen der weltlichen Entmachtung dieses Kulturträgers. In den Räumen des früheren Klosters dokumentiert mittlerweile eine Ausstellung die Entstehung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, das hier 1948 in einwöchiger Klausur entworfen wurde. Nur von dieser Stelle im See aus können wir gleichzeitig durch eine Waldschneise die sonnen beschienene Ostseite des weltbekannten Neuen Schlosses sehen, erbaut in der ausgehenden Herrschaftszeit des Hauses Wittelsbach. Steuerbord liegt der Weitsee im Morgenlicht.

Wir halten Kurs auf die Fraueninsel, um uns in einem der Lokale oder Biergärten für die Weiterfahrt zu stärken. Wegen des anhaltend niedrigen Wasserstandes bedarf der Abstieg vom morschen Steg beim Inselwirt auf unsere Ruderplätze einiger Akrobatik. Die Aussicht auf einen Schwimmsteg stimmt uns aber froh. Backbord lassen wir die Krautinsel, die Anlegestelle Herreninsel und die Kreuzkapelle liegen. Auf dieser Strecke queren wir mehrmals die Fesslerschen Schifffahrtslinien. Ohne Steuermann lauschen wir auf das Dieselbrummen entgegenkommender Boote und beobachten ihren Kurs aus den Augenwinkeln. Die Stärkeren sind in diesem Falle bevorrechtigt und schlagen auch gerne mächtig Wellen. Mit Rücksichtnahme der Schiffskapitäne können wir aber rechnen, solange der Verkehr auf dem See überschaubar bleibt.

Steuerbord sehen wir alle Halbinseln und Buchten des Nordufers an uns vorüberziehen. Lebhafte Siedlungen, deren frühere Dorfstruktur nur noch erahnt werden kann, wechseln ab mit einsamen Wald- und Schilfufern, an denen nicht nur Vogelfreunde ihre Freude haben. Eingefügt in diese Landschaft sind eine Reihe unübersehbarer Seglerhäfen. Zum Glück, denk ich mir, laufen meist nur wenige Boote aus. Wenns dann doch bisweilen eng wird auf dem See, gilt noch immer die Devise frei nach Valentin: Segeln bei Segelwind, Rudern bei Ruderwind. Und Ruderwind ( Segler nennen es Flaute ) ist immer noch öfter am Chiemsee, beobachte ich.

Über das Osternacher Schilffeld spitzt der Turm der Priener Marktkirche, unsere Landmarke für den Heimatkurs. Angekommen, versorgen wir zufrieden unsere Boote, vermerken weitere elf Kilometer im Fahrtenbuch und freuen uns auf baldige nächste Ausfahrt, an langen Abenden auch über den Weitsee bis zu den Biergärten von Feldwies. In den Sommerferien rudern wir schon mal nach Seebruck und die Alz hinunter bis Truchtlaching und zurück.

Abhalten kann uns nur Starkwind, dichter Nebel oder fortschreitende Nacht. Unser Ruderstil umfasst eine weite Palette von sportlich forsch ( Schweinsgalopp ) über effektiv ( unsere LTGler vor Allem ) bis genussvoll meditativ ( Altherrenart ). Was gerudert wird, hängt von Temperament und Tagesform des Schlagmanns ab.

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